Es gibt immer einen Weg
Wir finden ihn

Geburtstagswünsche

(Inhalt des Briefes, der Erasmus vor Schwedt bewahrte)

Sehr geehrter Staatsratsvorsitzender Herr Erich Honecker,

Ich gratuliere zu ihrem 70 Geburtstag, verehrter Staataratsvorsitzender Herr Erich Honecker.

Zuerst bin ich daran interessiert, etwas mit einzubringen in dieses Land, wo ich hineingeboren bin.
Mit 23 Jahren noch unerfahren. Dennoch ein vollwertiges Mitglied dieser, unserer Gesellschaft.

Zu reisen, ist etwas, was allen zugute kommt: Erfahrungen anderer Menschen, Sitten und Gebräuche. Somit gibt es immer Anlass: Etwas zu verbessern. Oder?

Freie Meinungsäußerung, insofern kritisch und konstruktiv, ist wie Reisen: ein unabdingbares Recht unseres Daseins. Unseres jeweiligen Soseins. Erst dadurch kann ich bestimmen: Was habe ich verstanden? Und was verstehe ich noch nicht? Und gebe meinen Mitmenschen Gelegenheit, dazu sich zu verhalten: freimütig und auch ja, kritisch. Oder gegenteilig. Erst im Widerspruch, kann ich wachsen. Kann mein Gegenüber auch dazu lernen.

Ein Beispiel: Ich wurde hineingeboren in eine christlich-pietistische Gemeinschaft. Jetzt beurteile ich selbst neu: möchte kein Mitglied derselben sein. Weil es geistig und seelisch, zu „eng“ für mich ist. Es sollte freiwillig sein.

Den Dienst für dieses Land: tue ich gern ohne Waffe. Weil es keinen Sinn macht, Gewalt mit Waffe anzudrohen. Zumal in dem kapitalistischen Ausland auch Menschen gezwungen sind (Wehrpflicht), Dienst an der Waffe zu tun. Und wenn, wie nun mir hier ermöglicht wird, den Dienst für unsere Gesellschaft zu tun auch ohne Waffe, dann zeigt dies Folgendes: diese moralische Differenzierung ist sehr kostbar. Der Zwang wird ersetzt durch die freie Zuordnung nach meiner Gewissensentscheidung.

Danke sehr, dass dies möglich ist.

Zuletzt noch dieses: ich war mit 18 erstmalig nicht wählen. Anstatt mir es zu erklären, von wem auch immer, wurde ich wie bestraft. Keine Klassenfahrt als Begleitperson nach Moskau. Für die Klasse meiner Schwester Renate. Ich war und bin tief darüber enttäuscht. So kann kein Vertrauen wachsen: weder zu Ihrer Staatsführung, noch zu den Menschen in Behörden und Ämtern.

Zu wählen bedeutet auch: auszuwählen, welchen Persönlichkeiten ich vertraue: wie z.B. meinem Klassenlehrer Hans Klamroth. Er ist wach, orientiert. Hat zwei Staatsexamen in Physik und Mathematik. Durch ihn kapierte ich diese zwei Fächer. Und: im Gespräch unter vier Augen, bat er mich, zu lernen mich auch zu reflektieren. Wer ich jetzt bin. Wer ich sein möchte. Und die Differenz
auszugleichen durch persönliche Anstrengung.

Warum so wesentlich für mich? Ich ließ mir fast alles gefallen, die ersten acht Schuljahre lang. Schrecklich, ja. Klassenlehrer Herr Hans Klamroth erinnerte mich daran: ob ich bereit wäre, wenn nötig, auch sprachlich mich zu wehren. Dies lernte ich erst in der neunten Klasse. Spät. Doch nicht zu spät.

Ich wünsche Ihnen ein offenes Ohr für alle Menschen, die kritisch und konstruktiv ihre Sicht der Dinge sagen. Ja, sagen dürfen. Ja, sogar sagen sollen. Damit wir eine Gesellschaft von rechtschaffenen Menschen werden können.

Ich hoffe, auch als Bausoldat meinen Anteil mit einzubringen, in eine gerechtere und nach hehren Zielen strebende Gesellschaft. Dass freiere Rahmenbedingung die Mündigkeit aller Bürger wertschätzen. Und jeder seine Ressourcen als Mensch noch mehr mit einbringen kann.

Hochachtungsvoll

Hämmerle

Zur Zeit Bausoldat in Storkow/Mark