Es gibt immer einen Weg
Wir finden ihn

Oberlicht

Nach neun Stunden hatte Erasmus genug. Zwar hatte er wahrhaftig ein dickes Fell und war Kummer gewohnt, aber das hier ging jetzt wirklich zu weit. Er hämmerte gegen die Stahltür, bis tatsächlich ein unlustiges Uffz-Gesicht erschien und ihn anschnauzen wollte. Erasmus ließ es gar nicht dazu kommen und schnauzte als Erster los. Es reiche jetzt! Er erwarte auf der Stelle Papier und Stift, da er eine Eingabe an den Lagerleiter zu fertigen habe. Sofort! Alles andere habe Konsequenzen, die sich der Wachhabende noch nicht einmal vorstellen könne.

Er bekam daraufhin Stift und Zettel und verfasste seine Eingabe.

Vor vier Tagen hatte man alle Neuseddiner Bausoldaten antreten lassen und einen VKU außer der Reihe verkündet. Donnerstag nach Dienst bis Sonntag 24.00 Uhr.

Der für Bausoldaten vorgesehene zentrale Telefonanschluss war daraufhin belagert worden wie seit Wochen nicht mehr. Während für alle anderen die dreieinhalb freien Tage tatsächlich einen Freiheitsgewinn darstellten, hatte sich bei Erasmus wenig Freude einstellen können.

Christin, seine Freundin, hatte justament in dieser Woche einen Urlaub in Ungarn geplant und war, als sie im Wohnheim ans Telefon gerufen wurde, schon mitten im Aufbruch. Ungarn – das war, wie Ephraim Kishon es formuliert hatte, die „Fröhlichste Baracke im Sozialistischen Lager“. Da sagte man nicht einfach mal spontan ab, zumal Christin sich diese Tour zusammen mit ihrer besten Freundin schon lange zusammengespart hatte.

Zu seinen Eltern zu fahren kam für Erasmus nicht in Frage. Zu sehr waren die Klüfte in letzter Zeit aufgebrochen, die deren Lebensentwurf von seinem trennte.

Wo also sollte des Menschen Sohn sein Haupt hinbetten?

Erasmus beschloss, in der Einheit zu bleiben und auf den Urlaub zu verzichten.

Hauptmann Feldbrett, der an dem Wochenende zuständig war, glaubte sich verhört zu haben. Er hatte die Anweisung bekommen, die Bausoldatenbaracke noch einmal zu kontrollieren und da war ihm plötzlich Bausoldat Hämmerle über den Weg gelaufen. Putzmunter und mit Unschuldsmiene, so als ob es völlig normal sei, dass der jetzt hier herumspazierte.

Hatte dieser Bausoldat ihm gerade wirklich erklärt, dass er nicht wie alle anderen sich in den Urlaub begeben würde, sondern tatsächlich das Wochenende hier in der Kaserne verbringen wolle? Feldbrett ließ sich das Ganze noch einmal wiederholen.

Dann ordnete er an, den Bausoldaten in die Ausnüchterungszelle zu sperren. Der war entweder nicht normal oder stockbesoffen oder beides.

Damit war der Fall für Feldbrett erledigt. Er hatte seine Anweisung ausgeführt und konnte nun selbst in Wochenende gehen.

Die Ausnüchterungszelle war noch viel karger als die Zellen im Arrest des Pionierbataillons Storkow, von denen Runstedt und Kalle erzählt hatten. Ganz weit oben, fast unter der Decke war ein Oberlicht eingelassen, das erahnen ließ, dass es da irgendwo ein Draußen gab. Dessen Botschaft aber wurde durch ein grelles Neonlicht in die Bedeutungslosigkeit gebellt. Sonst gab es nichts in der Zelle. Man hätte sich auf den Fußboden legen müssen.

Für jemand, der tatsächlich einen Vollrausch hat, wäre das wahrscheinlich egal gewesen. Aber Erasmus war stocknüchtern. Leider.

Anfangs hatte er beabsichtigt, diese Tage stoisch hier zu verbringen, aber mit der Zeit stieg seine Wut darüber, so behandelt zu werden. Und dann war irgendwann jenes Wut-Level erreicht, dass ihm die Autorität verschafft hatte, den Wachhabenden Befehle zu erteilen wie einem Hund. Und mit derselben Autorität herrschte er den verdutzten Unteroffizier eine viertel Stunde später an, dass der diese Eingabe sofort an den Kompaniechef weiterzuleiten habe.

Wie immer in solchen Fällen landete die Problematik dann aber bei Major Wenigel. Nach einem Blick in die Akte wusste der Bescheid. Dieser Bausoldat Hämmerle sollte eigentlich „warm“ gehalten werden. Das war nun wieder mal gründlich daneben gegangen. In der Regel war Wenigel ja ohnehin gut informiert und wusste auch, dass die Bausoldatenbaracke an diesem Wochenende neu verdrahtet werden sollte. Insofern hatte Hauptmann Feldbrett natürlich richtig gehandelt, dass er den urlaubsunwilligen Bausoldaten erst einmal entfernte. Aber Arrest? Nur dafür, dass der, wie aus der Eingabe zu entnehmen war, schlichtweg nicht wusste, wohin mit sich?

Das konnte richtig Ärger geben. Schließlich befand man sich auch immer noch im Helsinki-Prozess, und bemühte sich um internationale Reputation. In dieser Situation gab es aber eben auch jene gewissen Agenten, die sich unter die Kirchenvordächer duckten und die genau auf solche Fälle warteten, um die DDR zu diskreditieren.

Viel diskreditieren musste man da aber auch gar nicht, solange solch ein Feld-Depp wie Feldbrett von der Leine gelassen wurde. Der Mann war doch wahrhaftig nur als Karikatur eines Offiziers zu gebrauchen. Irgendwann würde er, Wenigel, mal ein Buch schreiben. Mit Hauptmann Feldbrett als Helden. Man könnte die Handlung ja so konstruieren, dass Feldbrett dem Klassenfeind untergeschmuggelt wird und als wandelndes Krebsgeschwür einfach durch sein schlichtes Dasein die gesamte Nato kampfunfähig setzt.

Ohne Feldbrett konnte der Sozialismus siegen. Mit ihm siegte er nicht, er siechte. In Feldbretts sächsischer Aussprache klang das ohnehin gleich.

Wenigel kontrollierte, ob die Techniker mit ihrer Arbeit fertig waren. Dann holte er den urlaubsverweigernden Bausoldaten persönlich aus seiner Zelle, entschuldigte sich für Feldbretts Vorgehen und wünschte ein paar erholsame Tage.

Zurück blieb ein verblüffter Erasmus.

Dass seine Eingabe eine solch prompte und umfassende Wirkung haben würde, hatte er nicht zu hoffen gewagt. Der Major hatte sich sogar bei ihm entschuldigt. Hatte Verständnis für seine Situation geäußert und ihm in fast väterlichem Ton ein paar schöne Tage hier gewünscht. Nur solle er sich unauffällig verhalten.

Offenbar gab es durchaus menschliche Wesen unter den Offizieren. Aber über Wenigel hatte er ja auch schon von den anderen, die in Rostock gewesen waren, einiges Gute gehört.

Nun würde er ein paar ruhige Tage haben. Konnte lesen, schreiben, nachdenken. Fast fühlte er sich wohl, allein in diesem Zimmer.

Irgendwas aber hatte sich hier aber verändert. Er konnte nur nicht sagen, was.